Fachstelle für Suchtvorbeugung

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Freizeitmaßnahme des ambulant betreuten Wohnens

Der Ausgangspunkt für die Arbeit der Fachstelle ist die These, daß Sucht immer eine Geschichte hat.

Der Mißbrauch illegalisierter Drogen wie Haschisch, Heroin oder Kokain ist dabei nur ein Teilaspekt der gesamten Suchtproblematik. Zu den wahrscheinlich 120.000 Heroinabhängigen bundesweit müssen circa 800.000 Medikamentenabhängige, mehr als 2.000.000 behandlungsbedürftige Alkoholiker und über 6.000.000 Nikotiniker hinzugezählt werden.

Sucht hat immer eine Geschichte, d.h. einer Sucht geht immer ein langer Prozeß voraus, in dem individuelle, gesellschaftliche und suchtmittelspezifische Faktoren zusammenwirken. Eigene Lebenserfahrungen und die Bedingungen des Lebensumfeldes können so zusammenspielen, daß ein Ausweichen in Verhaltensweisen, die zu einer Sucht führen, als einzig mögliche Konsequenz erscheinen.

Dieser Prozeß beginnt häufig bereits in der Kindheit und führt meist im Jugendalter zu einem manifesten und auffälligen Suchtverhalten.

Für die Fachstelle für Suchtvorbeugung ergeben sich daraus folgende Arbeitsschwerpunkte: Sie

  • entwickelt und erprobt Konzepte zur Suchtvorbeugung im Kreis Warendorf
  • plant und realisiert gemeindenahe präventive Aktionen und Projekte
  • bietet im pädagogischen Bereich Tätigen Beratung und Hilfe bei der Initiierung, Planung und Durchführung von Maßnahmen in der Suchtvorbeugung
  • bildet Multiplikatoren zum Beispiel aus Kindergarten, Schule, Jugendarbeit und Betrieben fort
  • bietet eine Infothek mit Informations- und Unterrichtsmaterial sowie spezielle Medien
  • initiiert öffentlichkeitswirksame Maßnahmen mit suchtvorbeugender Zielsetzung und beteiligt sich an der Landeskampagne "Sucht hat immer eine Geschichte"
  • arbeitet mit regionalen Medien zusammen (Presse, Lokalfunk), um über Suchtgefährdung aufzuklären und Möglichkeiten der Suchtvorbeugung vorzustellen
  • dokumentiert die suchtvorbeugenden Maßnahmen in der Region, wertet sie aus und macht sie Interessierten zugänglich

Die Fachstelle arbeitet dabei mit Schulen, Einrichtungen des Gesundheitswesens, den Krankenkassen, der Jugendhilfe, der Kriminalitätsprophylaxe und anderen - in der Suchtvorbeugung tätigen - Institutionen zusammen.

Durch den Ausbau der Prävention auf der Basis regionaler Netzwerke entwickelt sich die Prävention zu einer Gemeinschaftsaufgabe kooperierender Einrichtungen und Institutionen, deren Inhalte konkret durch Projekte, Angebote und Aktionen auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten sind. Somit entsteht eine breitgefächerte zielgruppen- und lebensweltorientierte Prävention, die die lokalen Gegebenheiten (großstädtischer Bereich, Kreisgebiet, ländliche Region etc.) stärker mit in die Überlegungen der Suchtvorbeugung einbeziehen kann.

Die Koordination der lokalen Suchtvorbeugung wird dabei von der jeweils entsprechenden Fachstelle für Suchtvorbeugung wahrgenommen.

Nach Hallmann (1996) werden durch die Bildung regionaler/kommunaler Arbeitsgemeinschaften zur Suchtvorbeugung der Aufbau von lokalen Verbundsystemen initiiert und unterstützt. "Derartige Arbeitsgemeinschaften, die aus Vertreter/innen der vor Ort tätigen Institutionen bestehen, haben es sich zur Aufgabe gemacht:

  • die Zusammenarbeit der beteiligten Personen und Institutionen zu verbessern
  • Angebotslücken in der Suchtvorbeugung aufzudecken und zu benennen
  • geplante und laufende Maßnahmen auf regionaler Ebene zu verbessern
  • Informationen an die politisch Verantwortlichen weiterzugeben sowie gemeinsam entsprechende Öffentlichkeitsmaßnahmen durchzuführen.

(Hallmann, 1996, S.1)

Aktuell ist die Fachstelle für Suchtvorbeugung, der Jugend- und Drogenberatung e.V., Ahlen, für den gesamten Kreis Warendorf (einem Kreis mit rund 270.000 Einwohner) für die Koordination und Vernetzung der lokalen Suchtvorbeugung verantwortlich. Das heißt konkret ein Verbundsystem aller im sozialpräventiven Rahmen Tätigen zu schaffen, zu erhalten und auszubauen, um einen Austausch und Kontakt mit Kooperationspartnern aus Schulen, Jugendämtern, Kirchengemeinden, dem Gesundheitswesen, der Rehabilitation, der Arbeitswelt, der Selbsthilfe etc. dauerhaft zu gewährleisten.

Seit 1990 arbeitet unsere Beratungsstelle auf dem Hintergrund dieses Kooperations- und Vernetzungsthemas. Kooperation und Vernetzung bedeutet im Rahmen kollegialer Zusammenarbeit ein "Geben" und "Nehmen" von Informationen, Aktivitäten und Engagement. Dazu gehört eine Koordination, die als Motor diese Kooperationsbemühungen unterstützt und durch eine Praxisorientierung qualitativ weiterentwickelt. Diese Funktion wird, besonders in Arbeitskreisen und Gremien, direkt von der Fachstelle wahrgenommen.

Um längerfristig Bestand zu haben, müssen Arbeitsgruppen einerseits ein integrierendes Moment aufweisen, z.B. eine inhaltlich gemeinsam getragene Linie entwickeln, die zielorientiertes Handeln ermöglicht. Darauf aufbauend müssen Arbeitsgruppen Praxiserfahrungen ermöglichen, von denen die einzelnen TeilnehmerInnen auch für ihren direkten beruflichen Alltag profitieren können.

Wünschenswert wäre an dieser Stelle natürlich, daß eine Arbeitsgruppe langfristig auch ohne die Koordination funktioniert. Der Prozeß der Ablösung hat im Kreis Warendorf jedoch in keiner Arbeitsgruppe, die von der Fachstelle initiiert worden ist, funktioniert. Gründe dafür könnten Bequemlichkeit, keine Übernahme von Leitungsverantwortung, ein hoher Verwaltungsaufwand (Einladungen, Portokosten etc.) aber auch Kontinuität und Beständigkeit durch einen sachkompetenten Ansprechpartner sein - eine Erfahrung die vielleicht verstärkt für den ländlich strukturierten Bereich gelten kann.

Dieser AG gehören Vertreter aus Jugendämtern, Kindergärten, Beratungseinrichtungen, der Polizei etc. an. Sie arbeitet projektorientiert, verschriftlicht die Projekte und stellt die Ergebnisse anderen Multiplikatoren zur eigenen Umsetzung wieder zur Verfügung. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit sind zum Beispiel ein Kindergartenprojekt "ICH bin ICH", ein Projekt zur Wahrnehmungsförderung "Der Erlebnisbaukasten" oder ein Konzept für die Durchführung pädagogischer Konferenzen an Schulen auf Kooperationsbasis mit dem Jugendamt, dem Kommissariat Vorbeugung, dem Schulamt und unserer Fachstelle entstanden.

Dieser AG gehören Vertreter aus Jugendämtern, Kindergärten, Beratungseinrichtungen, der Polizei etc. an. Sie arbeitet projektorientiert, verschriftlicht die Projekte und stellt die Ergebnisse anderen Multiplikatoren zur eigenen Umsetzung wieder zur Verfügung. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit sind zum Beispiel ein Kindergartenprojekt "ICH bin ICH", ein Projekt zur Wahrnehmungsförderung "Der Erlebnisbaukasten" oder ein Konzept für die Durchführung pädagogischer Konferenzen an Schulen auf Kooperationsbasis mit dem Jugendamt, dem Kommissariat Vorbeugung, dem Schulamt und unserer Fachstelle entstanden.

Einbindung in das lokale psychosoziale Versorgungsnetz

Der präventive Gedanke ist ebenso eingebunden in das lokale, psychosoziale Versorgungsnetz der "Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft" (PSAG) für den Kreis Warendorf. Auch hier wird die Arbeitsgruppe "Sucht und Abhängigkeit" durch unsere Fachstelle in den entsprechenden Gremien vertreten. Aktuelles Ergebnis der Arbeit der PSAG war die Planung, Organisation und Durchführung des Tages der Psychiatrie im Herbst 1997 sowie die Aktualisierung und Neuauflage des Beratungsführers "Sucht sucht Hilfe im Kreis Warendorf" im Zeitrahmen 1998/99.

Innerhalb der letzten Jahre hat sich auch die Arbeit im Rahmen schulischer Suchtvorbeugung deutlich verändert: von der klassenorientierten Einzelveranstaltung hin zur Multiplikatorenschulung für Lehrerinnen und Lehrern. Hier sind die bereits erwähnten pädagogischen Konferenzen fester Bestandteil personenorientierter Prävention. Aus einer dieser Veranstaltungen - hier an der Theodor-Heuss-Hauptschule in Oelde - hat sich dort ein Modell entwickelt, das aktuell als vorbildlich für die Suchtvorbeugung im Bereich Schule zu bezeichnen ist (eine skizzenhafte Zusammenfassung dieses Models finden Sie im Anschluß an diesen Artikel).

Aus der Kooperation zwischen Fachstelle und Schulamt haben sich darüber hinaus regelmäßige Fort- und Weiterbildungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer auf Kreisebene entwickelt, die von "selbsterfahrungsbezogenen Anteilen in der suchtpräventiven Arbeit an Schulen" (Gesch/Schmalenstroer 1997), über Wahrnehmungsförderung für Grundschüler bis hin zu einer einjährigen Beratungsausbildung für Lehrerkräfte reichen.

Zunehmend wird die Arbeit mit Kollegien, die Suchtprävention deutlich als Thema im Schulprogramm verankern möchten, immer häufiger Arbeitsschwerpunkt. Mit der Hauptschule "Im Herxfeld" in Sassenberg konnten die Fachstelle für Suchtvorbeugung, gemeinsam mit einer 5köpfigen Lehrerinnengruppe innerhalb eines ¾ Jahres eine Praxismappe zur schulischen Suchtvorbeugung mit den folgenden, fächerübergreifenden Schwerpunkten erstellen:

  • Altersadäquate Vermittlung suchtspezifischer Schulinformationen
  • Berücksichtigung emotionaler Aspekte
  • Einbeziehung der Erfahrungswelt von Kindern und Jugendlichen
  • Gestaltung von Schulhof und Klassenzimmern
  • Kooperation mit KollegInnen und Schulleitung
  • Kontinuierliche Elternarbeit

Diese Arbeitsergebnisse fließen aktuell mit in den Lehrerarbeitskreis 3 (Ahlen-Beckum-Sendenhorst) ein und werden hier, auf Wunsch der beteiligten Lehrkräfte, schulformspezifisch weiterentwickelt.

Durch diese Umorientierung der Prophylaxearbeit der Fachstelle - von der Klassenorientierung hin zur Lehrerarbeit - hat sich die Qualität der schulischen Suchtvorbeugung deutlich gewandelt. Trotzdem bleibt der Bereich der Schule mit den dort angesiedelten Tätigkeitsfeldern (Schüler, Lehrer & Eltern), als weites Motivationsfeld für die (Sucht-)Prävention, präsent.

Suchtvorbeugung als thematische Orientierung in der Jugendzentrumsarbeit

Im Rahmen einer kollegialen Fortbildung im Sommer 1998, an der auch MitarbeiterInnen aus lokalen Jugendfreizeiteinrichtungen teilnahmen, entwickelte sich der Wunsch nach einer Arbeitsgruppe "Suchtvorbeugung in Jugendfreizeiteinrichtungen". Dieses Anliegen wurde von unserer Fachstelle aufgegriffen - das erste Treffen dieser neuen, kreisweiten AG fand am 26.2.1999 statt.

Neben dieser Langzeitorientierung von Arbeitsgemeinschaften gibt es aber auch Möglichkeiten im Rahmen von Ergebnisorientierung ausschließlich auf ein Projekt hinzuarbeiten. Beispielhaft dafür seien die seit 1990 regelmäßig stattfindenden Aktionswochen zur Suchtvorbeugung genannt. Im Jahr 1998 konnten wir die umfangreichsten Tage zur Suchtprävention in Oelde in der Zeit vom 3.11. bis 21. 11.1998 mit über 70 Veranstaltungen für die unterschiedlichsten Zielgruppen mit diversen Themenschwerpunkten realisieren - und das ist ausschließlich den beteiligten Kooperationspartner zu verdanken. Wie gerade in dieser Aktionswoche deutlich wurde, bedeutet Prävention in erster Linie einen Beitrag zur Förderung von Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein, d.h. zur Persönlichkeitsentwicklung des Menschen ab dem Kleinkindalter zu leisten. Dies konnte in dem kurzen Zeitraum der Aktionstage, lokal begrenzt, aufgezeigt werden und könnte als Anregung zur Fortführung und weiteren Entwicklung von Angeboten auf breiter gesellschaftlicher Basis dienen. Die Ansatzpunkte hierfür liegen in der Familie, im Freundeskreis, in der Jugendhilfe, in der Kirche in den Vereinen und allen anderen gesellschaftlichen Gruppen.

Aus den Ergebnissen läßt sich eine Vision ableiten, die Perspektiven und Vorschläge für weitere Handlungsschritte in Oelde beinhaltet: Es soll ein gemeinsames Erziehungsverständnis entwickelt und darauf aufbauend eine Koordination des methodischen Vorgehens und der Angebote der in Oelde tätigen Institutionen zur Erziehung und Bildung (wie Kindertageseinrichtungen, Schule und Jugendhilfe mit Unterstützung von Vereinen und anderen gesellschaftlichen Gruppierungen) entstehen. (van der Veen, 1998)

Auf Kreisebene gibt es eine Vielzahl von pädagogisch Tätigen, die ganz oder teilweise der Prävention verpflichtet sind. Diese Ressourcen und Kompetenzen zu bündeln ist Auftrag der Fachstelle für Suchtvorbeugung. Dauert es auch eine gewisse Zeit bis sich solche Arbeitsgemeinschaften als arbeitsfähig erweisen, so sind diese lokale Unterstützungsnetze von zentraler Bedeutung. Dazu gehört auch die thematische Schwerpunktsetzung für einen überschaubaren Zeitraum. Aktuell heißt das Ziel "gelungenes Erwachsen werden" und die damit verbundenen gesundheitsfördernden Verflechtungen können nur durch ein Miteinander aller an diesem Prozeß Beteiligten erreicht werden - denn Prävention kann nur als vernetzte Dienstleistung wirksam sein und werden.

Diese Kooperation zu fördern und durch die Koordinationsaufgabe zu intensivieren - im Sinne von Informationsdienst, Projektentwicklung, Projektdurchführung, Dokumentation, Praxisberatung und -begleitung - hat sich die Fachstelle für Suchtvorbeugung zur Aufgabe gemacht.

Hallmann, H.-J., Suchtprävention, Öffentliche Anhörung der Arbeitsgruppe Drogenpolitik der SPD-Bundestagsfraktion, März 1996, S.1

Gesch, M/Gesch, R./Schmalenstroer, W., Selbsterfahrungsbezogene Anteile in der suchtpräventiven Arbeit an Schulen, GINKO, Koordination der Suchtprophylaxe NRW (Hrsg.), Mülheim a.d. Ruhr 1997

Van der Veen, H., stellvertretender Jugendamtsleiter der Stadt Oelde zu Perspektiven und weiteren Handlungsschritte nach der Aktionswoche während der Jugendhilfeausschußsitzung vom 9. Dezember 1998

Fragen und Anregungen für die Umsetzung ursachenorientierter Suchtprävention in der Praxis

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht als Präventionsziele den kontrollierten Gebrauch legaler, die Vermeidung des Gebrauchs illegaler Suchtmittel sowie den bestimmungsgemäßen Umgang mit Medikamenten vor.

Eine ursachenorientierte Suchtprävention hat dabei eine deutlich pädagogische Seite, die darauf ausgerichtet ist, durch die Stärkung und Erweiterung sozialemotionaler Kompetenzen einer möglichen Suchthaltung vorzubeugen.

Dazu hat Suchtprävention eine strukturelle Seite (vgl. ABT, 1994, S. 41), bei der es darum geht, gesamtgesellschaftlich suchtfördernde Strukturen wie menschenfeindliche Stadtbezirke, ungenügender Wohnraum, fehlende Ausbildungs- und Arbeitsplätze, globale Umweltzerstörung etc. zu minimieren bzw. zu beheben.

Diese Bedingungen sind durch die Politik sicherzustellen, denn mit der massiven Verbesserung der allgemeinen Lebenssituationen sind die Ziele einer pädagogischen Suchtvorbeugung deutlich effektiver zu erreichen.

Ein Präventionskonzept, daß schwerpunktmäßig auf individuelle Kompetenzerweiterung und strukturelle Verbesserung von Lebenssituationen abzielt, kann mit Recht davon ausgehen, Suchthaltungen vorzubeugen. Aber auch das breitest angelegte Präventionskonzept, getragen von der Politik, durchgeführt von Multiplikatoren aus verschiedensten Bereichen (über Kindergarten, Schule, Jugendfreizeiteinrichtungen, Betrieben, Sportvereinen etc.), unterstützt durch die Medien und positiv aufgenommen von weiten Teilen der Bevölkerung, hat seine Grenzen: es wird immer wieder Menschen geben, die (illegale) Suchtmittel konsumieren. Die Gründe dafür sind sowohl vielfältig als auch deutlich unterschiedlich.

Auf seiten der Prävention wirft dies die Frage auf - bei aller Konzentration auf die Entstehungsbedingungen im Vorfeld einer Suchthaltung - wie mit den Menschen umzugehen ist, die trotzdem illegale Suchtmittel konsumieren? Bezogen auf die Forderungen der WHO ist also zu prüfen ob es ausreicht, die Vermeidung des Gebrauchs illegaler Drogen als Ziel von Suchtprävention zu propagieren, oder ob der Präventionsbegriff verändert werden muß, "von der Verhinderungsdogmatik zur positiven Bewältigungsstrategie" (MICHELS 1996, S. 221). Damit wird nicht der Konsum illegaler Suchtmittel als eine Form der Lebensgestaltung akzeptiert, wohl aber der bestehende Gebrauch als solcher wahrgenommen und in die Überlegungen allgemeiner Gesundheitsförderung einbezogen.

Müßte Suchtvorbeugung, als ein Teil von Gesundheitsförderung, also nicht auch solche Konzepte umfassen, die es einem Abhängigen ermöglichen, seine illegalen Suchtmittel so einzunehmen, daß Risiken für seine Gesundheit minimiert werden und er nicht noch mehr geschädigt wird, als dies durch den Konsum möglicherweise der Fall ist?

Bezogen auf die Zielgruppe der Heranwachsenden stellt sich die Frage ähnlich, wenngleich der Konsum von (illegalen) Suchtmitteln - besonders in der Jugendphase - nicht nur Selbstzweck ist, sondern im Rahmen der Identitätsentwicklung unterschiedliche Facetten haben kann Er kann eine Konformitätshandlung innerhalb einer Gruppe Gleichaltriger ebenso wie eine Statushandlung als frühzeitiges Hineinversetzen in das Erwachsenenalter darstellen, als jugendspezifisches Risikoverhalten dem Ausprobieren und Festlegen individueller Grenzen dienen sowie als Bewältigungstrategie für altersspezifische Entwicklungsprobleme fungieren.

Auch hier geht es nicht darum, den jugendspezifischen Drogenkonsum zu akzeptieren oder als notwendig für die individuelle Entwicklung zu propagieren. Vielmehr sollte "der Konsum der legalen als auch der illegalen Drogen als eine Form der Lebensbewältigung verstanden werden, eine außerordentlich problematische Form, aber eben eine Form der Lebensbewältigung, mit der sich Jugendliche persönlich profilieren, sich von Erwachsenen absetzen, vom schulischen Mißerfolg ablenken möchten, gegen die Routine des Erwachsenenlebens protestieren, sich bei Freunden ins rechte Licht setzen wollen usw."(HURRELMANN 1993)

Der Konsum legaler wie illegaler Suchtmittel in dieser Lebensphase muß also nicht unbedingt Ausdruck einer Suchthaltung sein - gleichwohl kann daraus, in Verbindung mit den jeweiligen Lebensumständen, ein problematisches Konsumverhalten bis hin zur Entwicklung einer Sucht entstehen.

Jugendliche bei dieser Lebensbewältigung zu unterstützen kann dann auch heißen, sie in der Phase ihres Konsums zu begleiten, ohne Abstinenz als Forderung an sie heranzutragen. Die Frage ist also: muß ein Präventionskonzept nicht dem Suchtmittelkonsum von Jugendlichen, als zum Teil zu dieser Lebensphase gehörend, dahingehend Rechnung tragen, daß es Möglichkeiten vorsieht, die Jugendlichen durch entsprechende Maßnahmen über das jeweilige Suchtmittel wahrheitsgemäß zu informieren, sowie ihnen Möglichkeiten zu geben, ihren Konsum und die damit verbundenen Erfahrungen zu thematisieren?

Nach FRANZKOWIAK (1998, S.13) muß die Suchtprävention die Risikokompetenz Jugendlicher in der Form stärken, indem sie als Programmziele auch "Riten des Genießens" in Verbindung mit "Regeln für Räusche" thematisiert. Mit diesem Ansatz stößt man schnell an ein grundsätzliches Problem, nämlich das von Legalität und Illegalität bzw. der Wandelbarkeit dieser Einschätzungen. Am deutlichsten wird das an der aktuell geführten Diskussion zur Neubewertung von Cannabis.

Suchtvorbeugung hat es im Bereich illegaler Suchtmittel mit Konsumenten zu tun, die ein Suchtmittel konsumieren, das zwar aktuell illegal, dessen Bewertung aber durchaus wandelbar ist. Suchtvorbeugung darf daher von der "prekären Grenze der Legalität" (SCHMIDT-SEMISCH) nicht haltmachen. Neben der Aufgabe, Gesprächsräume für Konsumenten zu schaffen, sowie sie über risikomindernden Gebrauch zu informieren, kann auch die Aufgabe stehen, sich kritisch mit der bestehenden Einteilung in legale und illegale Suchtmittel auseinanderzusetzen.

Veränderungen von Einstellungen und Verhaltensweisen geschehen am ehesten in einer Atmosphäre von Offenheit, Vertrauen und Großzügigkeit. Möglichkeiten aufzuzeigen und modellhaft zu realisieren sind deshalb weiterhin wichtige Alternativen zum Drogenkonsum. Das geht jedoch nur durch den konsequenten Ausbau der präventiven Ressourcen in Form von Kooperation und Vernetzung, Gremienarbeit, Multiplikatorenschulungen, Projektarbeit und Dokumentation. Dabei ist die Förderung und Unterstützung von Eigeninitiativen, einschließlich der Bereitstellung von Informationen und Materialien, wichtiger als die Lieferung fertiger Angebote. "Als Voraussetzung für die Wirksamkeit von Suchtprävention gelten folgende Bedingungen: Langfristige, über Jahre hinausgehende präventive Programme statt einzelner Aktionen; Entwicklung von Verhaltenskompetenzen sowie Förderung von Einstellungen gegen Drogenmißbrauch anstelle reiner Informationsvermittlung; integrierte Programme, die sowohl substanzspezifische wie substanzunspezifische Bestandteile haben." (EXPERTISE ZUR PRIMÄRPRÄVENTION DES SUBSTANZMITTELMISSBRAUCHS)

Diese Bedingungen sind durch die Politik sicherzustellen. Bislang ist Suchtprophylaxe eine freiwillige Leistung ohne bindenden Charakter. Politiker aller politischen Parteien verweisen immer wieder auf die Notwendigkeit von Prävention, sparen aber auch immer häufiger auf der Seite der Prävention ein. Beispielhaft sei hier die gesetzliche Streichung des präventiven Anteils der Krankenkassen an der Suchtvorbeugung in Deutschland mit Beginn des Jahres 1997 erwähnt.

Suchtprävention muß aber langfristig und dauerhaft angelegt sein, um wirken zu können. Deshalb muß Suchtvorbeugung aus der Beliebigkeit herausgehoben, gesetzlich verankert und mit entsprechenden finanziellen Mitteln (vergl. HALLMANN 1996) ausgestattet werden.

Literatur

Abt, Urs, Bildungsarbeit, Medienkampagnen und Stadtteilarbeit. Vernetzte Suchtprävention in der Stadt Zürich, in: Krätzschmarl, L., Krauss, G. (Hg.), Schaden verhüten - Perspektiven eröffnen. Prävention mit Jugendlichen und jugendlichen Drogenkonsument/inen, Nürnberg 1994, S. 32-66

Expertise zur Primärprävention des Substanzmittelmißbrauchs, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit, Band 20, Baden-Baden 1993, zitiert in: Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (Hrsg.), Suchtprävention - (k)eine Aufgabe der Jugendhilfe, Freiburg im Breisgau 1995, S. 11

Franzkowiak, Peter, Risikokompetenz und "Regeln für Räusche": Was kann die Suchtprävention von der akzeptierenden Drogenarbeit lernen, in: Einblicke - Dokumentation der 2. Projektbörse Suchtprophylaxe NRW, Mülheim 1998, S. 6-15

Hallmann, Hans-Jürgen, Suchtprävention. Öffentliche Anhörung der Arbeitsgruppe Drogenpolitik der SPD-Bundestagsfraktion, März 1996, S. 9

Hurrelmann, Klaus, Lohnt sich Suchtprävention unter gesundheitsschädigenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen?, in: drogen-report 6/93, S. 20-28

Michels, Ingo Ilja, Ein drogenpolitisches Nachwort, in: Wissenschaftlicher Beirat des Bundesverbandes für akzeptierende Drogenarbeit akzept e.V. in Zusammenarbeit mit dem Bremer Institut für Drogenforschung (BISDRO) (Hrsg.), Wider besseres Wissen: die Scheinheiligkeit der Drogenpolitik, Bremen 1996, S. 219-224

Schmidt-Semisch, Henning, Die prekäre Grenze der Legalität, München 1994